Thinly Sliced – Erfolgsfaktor Produktarchitektur

Kategorien: PRODUKTMANAGEMENT, SCRUM
International Space Station (Bild: Public Domain, 23.05.2010)

Jan Schneider, Dezember 2020

Nun also bis 2030, fünf Jahre länger als geplant bleibt die ISS im Orbit. Seit ihrem Start vor mehr als 20 Jahren sind hunderte von Astronauten und Raumfähren an der internationalen Raumstation angedockt, haben geforscht, gearbeitet und sind sicher heimgekehrt. Eine Erfolgsgeschichte in jeder Hinsicht.

Technologisch ist die ISS ein Musterbeispiel für eine modulare, offene Produktarchitektur. Egal, ob ein Space Shuttle aus dem Jahr 1998 oder eine moderne Space X Falcon Rakete sich im Anflug befand, die Plattform stand bereit zum Andocken. Seit ihrem Start hat sich die Raumstation stark verändert und ist gewachsen. Stabil blieb in all den Jahren die Architektur der technischen Plattform. Die Prinzipien und Standards für die Integration und den Betrieb haben sich als erstaunlich zukunftsfähig bewiesen.

Erfolgsfaktor Architektur – Was lässt sich von einer Raumplattform für die Arbeit am Produkt ableiten? Fail early, often and cheap – so das Paradigma der lean & agile Produktentwicklung. Doch was bedeutet dies für die Produktarchitektur?

  • Features – die fachliche Architektur ist in Lösungskomponenten, in Features gegliedert. Dabei stehen die Business Capabilities, also die fachlichen Mehrwerte, im Zentrum.  Beim Design der Architekturelemente geht Modularisierung vor Spezialisierung. Eine agile Architektur ermöglicht es „thinly sliced“ also in kleinen, modularen Lieferobjekten zu arbeiten.
  • Micro Services – die technische Architektur ist offen und dezentral. Schnittstellen sind standardisiert, Protokolle sind stabil und Funktionalität ist deutlich gekapselt. Bei der Orchestrierung der Einzelteile überwiegen lokale, dezentrale Mechanismen, globale, zentrale Komponenten sind auf ein Minimum reduziert. „Loosly Coupled“ – so das Leitbild, bedeutet Abhängigkeiten sind überschaubar und eine dynamische Konfiguration ist möglich.
  • Continuous Delivery – die Integration der Lösungsbausteine ist effizient und zuverlässig. Die Prozesse für Test, Build, Integrate und Deploy nutzen das Potential zur Automatisierung. Virtuelle Systemressourcen und Services entkoppeln und vereinfachen die Entwicklungsarbeiten. Die Aufwände für die Integration und die Komplexität der Orchestrierung sinken.
  • Governance – die Plattform braucht Steuerung. Standards müssen abgestimmt und durchgesetzt, non-funktionale Anforderungen identifiziert, priorisiert und konzipiert werden. Die Arbeit am Produkt braucht die Arbeit am Prozess. Agile Governance ist ein „enabler“ für die Lieferteams- wirksam, schlank, und serviceorientiert.

Ohne Zweifel, diese Architektur ist anspruchsvoll. Trotzdem entscheiden sich immer mehr Produktverantwortliche für agile & lean Architekturen. Nicht nur Raumstationen, auch digitale Produkte und e-Autos profitieren von den Vorteilen:

  • Flexibel – die agile Architektur senkt die Kosten für späte Anpassungen. Das ermöglicht das kontinuierliche Lernen und Verbessern. Kleine Änderungen erzeugen kleinen Aufwand und große Änderungen sind auch spät möglich.
  • Robust – die Offenheit fördert technologische Vielfalt und Redundanzen im System. Die Abhängigkeit von einzelnen Bausteinen und Technologien sinkt. Damit wird das Gesamtsystem toleranter, stabiler und zuverlässiger.
  • Skalierbar – die Entflechtung und Verteilung auf dezentrale Einheiten macht den Weg frei für ein organisches Wachsen. Die Skalierung der Plattform kann in kleinen Schritten und nach Bedarf umgesetzt werden. Die Anzahl der Optionen bleibt groß und das Risiko klein.

Eine agile Architektur ist niemals fertig, sie ist ein Leitbild für die Arbeit am Produkt. Das Zielbild ist klar: es geht um Innovationskraft durch Flexibilität, Geschwindigkeit und Effizienz. Damit das immer besser gelingt, muss die Arbeit an der Architektur in jedem Sprint ihren Platz haben.