Set Based Design – die Schrotflinte in der agilen Produktentwicklung

Kategorien: PRODUKTMANAGEMENT, Scaled Agile

Agile Produktentwicklung ist eine Entdeckungsreise – spannend, riskant und voller Überraschungen. Egal, ob Startup, Mittelständler oder global agierender Konzerne, bei der Suche nach der besseren Lösung ist das Scheitern keine Ausnahme sondern notwendig. Das Konzept dazu: Set Based Design.

Das Prinzip des „Set Based Design“ also die parallele Arbeit an mehreren Kandidaten ist schnell erklärt. Es geht um Vielfalt und Streuung – statt der einen Lösungsvariante werden gleichzeitig mehrere Produktideen vorangetrieben. Mit der Verbreiterung des Kandidatenfeldes erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eine Lösung zu finden. Je unabhängiger die Projekte laufen, desto mehr Vielfalt ist im Prozess, desto größer der Gewinn an Informationen und Erkenntnissen.

Damit die Vielfalt wirkt, müssen die Kandidaten sich früh und häufig beweisen. Entscheidend für das Gelingen ist das Aussortieren. Shark Tanks, Kill Points oder Steuerkreise sind die Momente des Bewertens und Auswählens. Was kann der agile Produktmanager tun, damit gute Ideen nicht im Rauschen des Projektgeschäftes untergehen?

Fitness for Use

Inspection – die Bewertung der Lösungsentwürfe muss früh und häufig erfolgen. Im Mittelpunkt steht dabei der Nutzen der Lösung. Im Unterschied zu klassischen Projektreviews sind Vollständigkeit und Fehlerfreiheit nur Mittel zum Zweck. Viel wichtiger ist die die Frage, welchen Mehrwert liefert die Lösung für den Kunden? Es geht um „fitness for use“:

  • Lässt sich die Lösung nutzen? Welche Eigenschaften sind wertvoll für den Anwender welche nicht?
  • Welche Informationen und Erkenntnisse liefert uns die Lösung? Fachlich, technisch, prozessual?
  • Welche Schritte sind als nächstes sinnvoll, warum? Was bedeutet dies für unsere Ziele und die Umsetzung?

Cost of Delay

Ordering – bei der Bewertung helfen nachvollziehbare Kriterien, um das Kandidatenfeld zu lichten. Jede begründete Entscheidung gibt den Teams Orientierung und wichtiges Feedback. Jedoch, wie lassen sich Produktideen bewerten, wenn zukünftige Umsätze und Kosten unbekannt und unsicher sind? Cost of Delay (CoD) – eine Kennzahl, die hilft, die bekannten und erwarteten Auswirkungen einer verspäteten Lieferung zu vermessen.

Product Vision

Leading – die Balance von Wettbewerb und Kooperation ist eine Führungsaufgabe. „Set based design“ produziert keine Verlierer! Damit das gelingt braucht das Team ein gemeinsames Leitbild. Das Spielfeld für die Suche nach der besseren Lösung muss organisiert werden:

  • Product Goal – alle Teams arbeiten an einer Produktidee. Die konkurrierenden Lösungsvarianten benötigen ein gemeinsames Zielbild. Die Product Vision gibt die Begründung für die Zusammenarbeit und hält die Mannschaft auch über Teamgrenzen hinaus zusammen. Das Product Goal ist der Fokus der Zusammenarbeit und des Committments.
  • Guardrails – Die Leitplanken festlegen – mit den Vorgaben vom Termin, Budget und Kriterien bekommen die Teams ein definiertes,  gleichwertiges Spielfeld. Die Größe des Kandidatenfeldes und die Festlegung der Entscheidungspunkte strukturieren den Prozess.
  • Continuous Improvement – die Lieferkosten senken – nicht nur die Anzahl der Kandidaten, sondern auch die Kosten pro Kandidat treiben das Investitionsbudget in die Höhe. Standardisierung von Lösungskomponenten, Automatisierung  von Prozessen und Virtualisierung von Services sind Hebel um die Umsetzungskosten zu senken.

Warum brauchen wir das?

Produktentwicklung mit der Schrotflinte? Ist das nicht viel zu teuer? Wie lassen sich die Aufwände und Kosten für die nicht umgesetzten Lösungsideen begründen?  Für das agile Produktmanagement hat das Set Based Design klare Vorteile:

  • Geschwindigkeit – offensichtlich beschleunigt die parallele Entwicklung den Prozess. Im Unterschied zum sequentiellen Vorgehen, werden in der gleichen Zeit mehrere Varianten bearbeitet. Damit gelingt das Lernen schneller und das Liefern früher.
  • Flexibilität – die Vielfalt liefert Informationen und Optionen. Mit jedem zusätzlichen Kandidaten sinkt die Gefahr, in einer Sackgasse zu landen oder auf einer ungeeigneten Lösung zu stranden.
  • Innovation – bei der Suche nach der besseren Lösung zählt mehr als das gelieferte Ergebnis. Auch die Zusammenarbeit und die Arbeitsweise müssen überzeugen. Auf diese Weise wird der Wettbewerb um die bessere Lösung zum Bestandteil der Arbeitskultur.

Dieser Beitrag ist entstanden aus vielen guten Diskussionen in unseren Trainings zum agilen Management. Danke für die Anregungen und das Feedback! Mehr zum Thema findet Ihr in meinem Buch „Produktmanagement lean & agil – Werkzeuge für die Arbeit an der besseren Lösung“ oder auf der Website c43p.de

Viele Grüße Jan Schneider